Montag, 11. Juni 2007

Die Errettung der äußeren Wirklichkeit

So der Untertitel der Theorie des Films (1964) von Siegfried Kracauer. Hauptthese des Buches soll sein:

Der Film sei materialistisch im besten philosophischen Wortsinne. Anders als die klassischen Medien Sprache, Schrift und Buchdruck können die im 19. Jh. erfundenen Medien Photo-, Phono- und Kinematographie "Wirklichkeit" einigermaßen verlässlich wiedergeben.

Wird dir inhaltlich vielleicht nicht zwingend weiterhelfen, ist aber bestimmt ein guter Punkt um die Literaturliste ein wenig zu "pimpen".

Samstag, 9. Juni 2007

erheiternd: immaterialien entmaterialisiert

damit das blog nicht wieder einschläft hier gleich wieder neuer input. pseudowissenschaftliches, nein, feuilletonistisches diesmal, schlimmer: spiegel online. diesen artikel habe ich heute gefunden, und, was immer man von second life halten mag, klingt das nicht wirklich sehr verlockend nach "matrix" (und entmaterialisierung)?

Für eine Gruppe von englischen Studenten wurde der schlimmste virtuelle Alptraum wahr: Ihre aufwendige "Second Life"-Kunstausstellung wurde von einem Avatar gelöscht - und wieder zurückgezaubert. Ein bizarres Spiel mit Identitätsklau, Zeitreisen und virtueller Kunst.


da planen studenten eine virtuelle ausstellung (ein bisschen halbherzig, weil's "dasselbe" ja auch noch in first life, das ist das mit der besseren grafik, geben soll), der vermieter des virtuellen gebäudes gerät mit einem avatar (!) in streit, löscht alles. dann klärt sich das ganze in der erstrealität auf, der vermieter zeigt sich reumütig und kontaktiert den architekten (linden labs). die, und das finde ich wirklich zu komisch, drehen einfach die zeit auf dem virtuellen grundstück zurück, schwupps sind gebäude und ausstellung wieder da, alles prima.

Doch nur einen Tag später gab es für solch philosophische Abgeklärtheit keinen Anlass mehr: Das zerstörte Gebäude stand schon wieder an seinem alten Platz. Der reumütige Vermieter hatte sich mit Linden Lab in Verbindung gesetzt, die alle Objekte kurzerhand rekonstruierten, indem sie die Zeit des Grundstücks zurückdrehten - ein Stunt, wie in zuvor allenfalls Superman hinbekommen hätte.


gebäude, die plötzlich verschwinden? und wieder auftauchen? hat da gerade einer was von déjà-vu gesagt? und ist das nun die einlösung der "matrix" im wirklichen leben? wohl kaum. aber immerhin im zweiten, ein heiden-spaß.

Mittwoch, 6. Juni 2007

marie-anne statt stiefmutter

ich muss zugeben, ich scheute mich, das hier reinzubringen. aber nun gut. der text ist von marie-anne berr, "technologie und imagination. zur rematerialisierung des immateriellen", zu finden in der "ethik der ästhetik". die autorin beschäftigt sich mit der transfomierung der welt in (formalisierte) sprache – im sinne von versprachlichung = vermenschlichung, also menschliche weltaneignung. und dabei handelt es sich unzweifelhaft um eine art von "immaterialisierung". sie zeichnet dabei eine interessante entwicklung nach, die bei platon beginnt und mit kybernetik und ki-forschung (zunächst der klassischen, dann dem konnektionismus) einen höhepunkt erreicht.

ästhetisierung hätte sich insofern von der technologisierung als die formalisierende transgression vom leben in die imagination, in die technologisierung als die formalisierende transgression vom technisch-möglichen in die immaterialisierte soziale kommunikation gewandelt.


interessant ist dieser gedankengang schon, nur leider im detail ausgesprochen schwer nachzuvollziehen, weil sie nach und nach in eine ganz eigene terminologie verfällt, deren gipfelpunkt der zitierte letzte satz ist. ich habe noch einen längeren
text von der autorin vor mir, vielleicht weiß ich danach mehr.

Mittwoch, 16. Mai 2007

Form vs. Materie

Ich hab gestern in das Buch Physik der Medien von Walter Seitter reingelesen. Scheint ganz interessant zu sein. Für dich umso mehr. So referiert Seitter zunächst, dass bei Aristoteles die Wahrnehmungsorgane als auch die Wahrnehmungsmedien materiell sind, schließlich durch diese auch etwas Materielles aufgenommen wird. Und dann: „Trotzdem findet in der Wahrnehmung eine gewisse Entmaterialisierung statt – für die Aristoteles das wiederum materielle Beispiel des Wachses bzw. Wachsabdrucks bringt: das Wachs nimmt vom Siegelring die Form aber nicht die Materie auf“ (S. 37).

Sonntag, 13. Mai 2007

en-de-kodiert

zu unserer diskussion um das verhältnis zum matrix-code (lesbar oder rauschen?); ich bin da noch auf folgende interpretation von elisabeth bronfen (einer der texte, die hcvh angegeben hatte) gestoßen, die ich in dieser hinsicht für sehr überzeugend halte:

Die für das unzweifelhafte Glücken seiner Anrufung brisante Wendung jedoch setzt in dem Augenblick ein, in dem er die ihn bedrohenden special agents nicht länger als enkodierte männliche Erscheinungen wahrnimmt, sondern dekodiert: Die Umrisse der drei special agents erscheinen plötzlich ausschließlich aus den grünen Chiffren der Matrix zusammengesetzt. Diese Erkenntnis schließt an eine frühere Szene an, als er Cypher einmal an seinem Arbeitsplatz besuchte und zum ersten mal die kryptischen grünen Zeichen des Matrix-Kodes auf seinem Bildschirm gesehen hatte. Damals hatte Cypher ihm gestanden, er hätte sich schon so sehr an diesen Kode gewöhnt, daß er ihn automatisch dechiffriert. Er - der wie Neo am Anfang des Films vor seinem Bildschirm auf der Nebukadnezzar sitzt, und von einem Leben an einem anderen Ort jenseits der Armut und der Sorgen träumt - sieht gar nicht mehr die kodierten Ziffern, sondern automatisch die simulierten Körper, die diese in der Matrix darstellen. Mit einer 180° Drehung kehrt Neo die vom Verräter Cypher vertretene Sehweise des automatischen Entzifferns zu seinen Gunsten um. Mitten in der Matrix gelingt es ihm nämlich, nicht die kodierten Gestalten zu sehen, sondern den sie produzierenden Kode. Weil er aufgrund dieser Peripeteia die Ideologie in ihrer wahren Substanz erkannt hat - als ein symbolisch erzeugtes und von ihm getragenes imaginäres Gebilde - muß er auch nicht länger vor den gefürchteten Wächtern fliehen.


allerdings: ich halte bei weiterem nachdenken einen unterschied für entscheidend, nämlich den zwischen "sehen" und "lesen". cypher kann den maschinencode lesen (und, dabei würde ich bleiben, auch verstehen – also interpretieren), sehen aber kann er die "blonden" und "brünetten" nicht, sie bleiben produkte seiner vorstellung, eben seiner phantasie: er der imagination.

Samstag, 12. Mai 2007

zion ist simulation

ein gedanke kam mir noch zu unserer matrix-debatte. ich hatte mich ja ein bisschen daran gestört, dass mir die unterscheidung zwischen (wüstenhafter) realität und (zuckersüßer) matrix/simuation so eindeutig und ungebrochen schien – der punkt ja auch, an dem sich baudrillard von dem film missverstanden fühlte.

nun ist mir aber klar geworden, dass das doch komplexer angelegt ist – und zwar erst in dem moment, wo im zweiten teil die rolle des auserwählten geklärt wird. der witz ist nämlich der: auch zion, hort und rückzugspunkt des realen, ist nur ein simuliertes. schlicht und einfach deshalb, weil auch diese bastion der realität bereits fünfmal aufgebaut, verteidigt, verloren und zerstört wurde.
die rolle zions besteht nur darin, einen ort zu schaffen, an den diejenigen ausgelagert werden können, die die welt der matrix nicht (ganz) annehmen, diesen "unverbesserlichen" eine leicht kontrollierbare richtung zu geben. dass zion nicht in der matrix liegt, ändert also nichts an seinem virtuellen charakter, seiner künstlichkeit: hyperreal

ein "reales" (also die wüste des realen) im sinne eines "nicht gemachten" aber scheint es in diesem sinne wirklich nicht zu geben.

Mittwoch, 9. Mai 2007

objektsuppe

über folgendes bin ich gerade zufällig gestolpert – freebase, eines dieser projekte zur erfassung und katalogisierung des gesamten wissens der welt in einem semantischen netzwerk, wikipedia für maschinen nennt das diese ganz aufschlussreiche erläuterung:

Es geht hier also weniger um enzyklopisches Wissen das in erster Linie für den menschlichen Leser gedacht ist, sondern vielmehr um eine Sammlung von Listen, Referenzen und Datensätzen - Eine Wikipedia für Maschinen sozusagen. Der Clou an der Sache ist, dass diese Datensammlung nicht lose aneinandergereiht ist, sondern alle Daten miteinander verknüpft werden. Ein Riesen-Schritt in Richtung semantisches Web, der ultimativen Alles-mit-Allem-Verknüpfung von Daten.


nichts bahnbrechend neues, aber ein netter beitrag zur gestrigen diskussion, wie ich finde.